Mindset

Ich habe genug von dem Narrativ des armen Singles. Der ewig sucht, von einer Enttäuschung in die nächste taumelt ODER einsam und allein am Wochenende in die Röhre starrt ODER zur sogenannten Powerfrau mutiert, die plötzlich seltsame Hobbies erfindet, ihrem Auto einen Namen gibt und sich intensiv mit Engeln und Astrologie beschäftigt, sich eine kecke Strähne ins Pony färben lässt und Wasser mit Energiesteinen trinkt. Alles in ihr schreit: Ich brauche keinen Mann, mein Hund/Katze/Gaul/Job genügt.

Bullshit.

Wenn ICH das Bedürfnis nach Nähe, Austausch, Aufmerksamkeit, Wärme, Gespräch, Zuwendung, liebevolle Worte, wirklich gute Zweisamkeit habe, dann ist das fucking angebracht. Dann nehme ich niemandem etwas weg und sollte das auch vor allem mir selbst nicht wegnehmen. Denn bitte: Wenn ich die Wahl habe zwischen einem strahlend blauen, warmen Samstag unter Palmen, in warmen Wasser ODER alleine zuhause/im Café/im Park herumhängen, wenn mir aber NICHT danach ist, WARUM zum Teufel sollte ich dann den Samstagnachmittag mit dem Mann ABLEHNEN, mit dem ich mich wohl fühle, der liebenswürdig ist, der mir Aufmerksamkeit schenkt, mir gerne zuhört und mit dem es Spaß macht Zeit zu verbringen? Und JA, auch ICH habe Spaß und Gefallen an körperlicher Nähe. Ich BRAUCHE sie sogar.

Der wichtige wichtige Punkt dabei ist nur: Der besagte Typ, in dem Fall Giovanni, ist eben aber auch nicht mehr als ein schöner, genussvoller Samstagnachmittag. Er ist aber auch nicht weniger. Aus Gio wird niemals ein ehrlicher und treuer Ehemann. Er wird das einfach nicht. Oder vielleicht nur mit mir nicht- wer weiß das schon. Aber ich weiß, was er für MICH ist, im Hier und Jetzt. Er ist auch kein dummes Arschloch, dass mich nur ausnutzen will. Es ist eine schöne, liebenswerte Zeit miteinander.

Ist es das was mich auf Dauer zufrieden macht und ausfüllt?

Nein! Auch hier will ich nicht so tun, als ob. Ich WÜNSCHE mir eine monogame, vertrauensvolle Beziehung. Aber indem ich nun alles was zwischen dem oben beschriebenem und dem absoluten Nichts völlig abblocke, abwerte und nicht zulasse, steigt meine Bedürftigkeit nach Nähe und Aufmerksamkeit irgendwann so stark an, dass die Gefahr besteht, dass sobald irgendein Typ auftaucht, der Interesse an mir bekundet, ich diesem so verfalle und quasi alles nehme, was kommt. Und später ist die Enttäuschung umso größer, wenn es doch nichts wird, weil man alles auf eine einzelne Karte gesetzt hat.

Ich HABE für immer das Bedürfnis nach Nähe und Zweisamkeit. Das ist nie komplett ersetzbar durch Freunde oder durch Job oder Hobby. Und falls dies für manche so sein sollte, könnte ich entweder argumentieren, dass das ja dann auch wiederum eine Art Ablenkung ist (denn falls noch nicht ganz klar: Wir Menschen BRAUCHEN Zuwendung und Liebe um zu überleben und glücklich zu sein) oder ganz ehrlich sagen: Dann hab ich von diesen anderen Komponenten eben nicht genug. Und das langfristige Ziel ist es natürlich absolut, da mehr dran zu arbeiten, mehr Erfüllung und Freude in diesen Säulen zu finden, aber the fuck: NOCH habe ich keinen Job, der mich mein Bedürfnis nach Liebe und Aufmerksamkeit von einem Mann (denn auch das ist eben etwas anderes als die Liebe von der besten Freundin oder Familie) vergessen lässt. It is what it is.

Und zum anderen: Ich glaube, dass man nicht alles haben kann. Ich weiß noch sehr genau, wie ich in meiner siebenjährigen Beziehung manchmal das aufregende, den leidenschaftlichen Sex mit jemand neuen vermisst habe. Und selbst wenn es da draußen Paare geben sollte, die auch nach 20 Jahren leidenschaftlichen Sex haben PLUS blindes Vertrauen ineinander und absolut treu sind: Dann ist auch das etwas, dass einfach nicht jedem Menschen da draußen beschieden ist. Genauso wie nicht jeder reich werden wird im Laufe des Lebens oder den Jackpot im Lotto knackt.

Und so jonglieren wir mit unseren Möglichkeiten. Die oftmals nicht nur durch die Umstände, in denen wir leben definiert sind, sondern auch durch unsere eigenen, ganz individuellen. Nicht jeder ist dafür GEMACHT eine lebenslange Partnerschaft einzugehen, weil andere Dinge, wie Erfahrungen, Prägungen etc pp vielleicht die Dinge erschweren.

Ich akzeptiere mittlerweile all diese Dinge an mir. Meine Bedürfnisse, meine Möglichkeiten, meine Zukunft, die vielleicht einfach nicht so aussieht, wie die von anderen. Vielleicht ist mein „Endziel“ nicht Ehe, Haus und ein bis zwei Kinder.

Weil ich aber das Beste aus dem versuche zu machen, was mir mitgegeben wurde. Und weil ich auch in anderen immer mehr versuche, das zu sehen, was und wer sie SIND, und nicht was ich will.

Wieviel ich mir dadurch erspart hätte.

Das alles soll nicht zu resigniert und pathetisch klingen. Aber ich glaube, dieses Anhaften einer Idee über einen anderen, das immer im außen sein und orientieren am anderen, was fast schon zu Fantastereien führte, das bringt nicht weiter und verbaut einem das Leben im Hier und Jetzt.

Auch ich würde gerne eine Beziehung finden, in der bedingungslose Liebe und Vertrauen und was auch immer meine persönliche Liste noch so bereithält, möglich ist. Ich würde mich selbst belügen, würde ich das verneinen. Und ich habe die Hoffnung darauf nicht aufgegeben. Aber das Leben ist jetzt. Und ich habe keine Garantie, dass ich das jemals finden werde. Oder für wie lange. Denn das ist der nächste Punkt. Oftmals ist die Phase, in der Leidenschaft und absolutes Vertrauen in der Beziehung bestehen, eine temporäre Phase. So oft, so so oft, verschwindet irgendwann das ein oder das andere. Aus welchen Gründen auch immer.

Es gibt einfach keine Garantie außer diesen Moment.

Vielleicht merkt man, dass ich gerade viel Yoga mache.

Cheers.

Carpe noctem

Gestern kam mir der Tag vor wie ein ganzes Jahr. Alles hat sich in wenigen Sekunden umgedreht.

Was blieb, waren heilsame Gespräche. Mit Papa, mit der besten Freundin, mit dem Schriftsteller.

Und was aufflammte, waren Entschlüsse. Der Entschluss, das Leben an mich zu reißen und zu zetern, zu schütteln und rütteln, so dass ich es fühle. Aufzuhören mit dem Verstecken, der ewigen Vernunft, immer mehr begraben von den erstickenden Mehl, dass sich in seiner Feinheit in meine Lungen gelegt hat, meine Augen. Und ich blind und atemlos wurde. Langsam beschwerten mich diese Mühlen der Gewohnheit, der Routine so sehr, dass ich meinen Kopf nicht mehr wenden konnte, um zu sehen, was das Leben bereit halten kann. Könnte.

Was klingt, wie die Lust nach Abenteuerurlaub in Timbuktu, ist lediglich eine Sehnsucht nach Aufbruch. Nach dem Ausschöpfen meiner Möglichkeiten, die sicherlich nicht endlos sind, aber doch größer als das, was ich mir zugestehe. Ich bin niemand, der seine Fülle und Zufriedenheit alleine vor einem Laptop findet. Mails von verstockten Altautoren beantwortet oder Listen prüft und pflegt.

Ich bin eine lebendige, liebenswerte Person, die auch oft Ruhe braucht, aber nichtsdestotrotz extrovertiert ist.

Oh, die romantischen Beziehungen, sie sind nur ein kleiner Baustein zum Glück. Ein wichtiger, aber EINER von vielen.

Rette mich.

Sieh mich an, sagt der Schriftsteller, mein Leben hat auch noch eine Wendung genommen.

Mir ist schlecht, weil ich nicht esse. Ich hatte Migräne, ich hatte Nähe, aber immer ein ungutes Gefühl. Ein verlogenes. Können wir in Momenten leben?

Ich weiß nicht, ob das Liebe war mit Giovanni. Ich könnte aus Trotz behaupten: Nein. Aus Verletzungsgründen: Ja.

Die Antwort lautet: Ich weiß es wirklich einfach nicht. Ich habe wohl gefühlt, wie es immer toxischer wurde. Seine Drohungen, mein Leben zu zerstören, all das war nicht mehr gut, nicht mehr achtsam. Es fühlte sich oft wie ein Lauern an.

Ich glaube, ich mochte ihn nicht mehr wirklich, ich mochte seine oftmals oberflächliche Art nicht, das Stolzieren, der fehlende Intellekt, die fehlende Ambition, die fehlende Vision vom eigenen Leben und Entwicklung.

In Fakt war er ein Lückenbüßer. Und die Lücke in meinem Leben besteht aus fehlendem Sinn, Spaß und Aufgabe. Doch das mit einer Beziehung zu stopfen, dieses Loch, ist nur temporär. Es kann auch heilsam sein, und einem helfen, der Support kann einem auf die Sprünge helfen. Aber in meinem Fall konnte es mich nur ausruhen lassen auf faulen Eiern.

Diese Beziehung war nicht auf Augenhöhe. Auch wenn es schön war zu sehen, wie jemand mit Leichtigkeit in den Tag und in das Leben lebt, wie jemand Dinge hat, von denen man selbst nur träumt, sie nichtmals richtig wahrnimmt, so selbstverständlich wie sie sind.

Ich bin verstört um des Endes Willen. Ich bin verärgert um des nun unbequemeren Weges. Dass ich mich nicht in das weiche Wattebett der Beziehung zurücklehnen kann. Sondern für mich und meine Träume arbeiten muss.

Dieser Mann bietet mir nicht das, was ich brauche in einer Beziehung. Es war nett, in einer Illusion zu leben, einer Illusion, die mich aber nicht weiter gebracht hat, sondern lähmte.

Dies ist nicht der Weg. Nicht mehr.

Zumal mir der Respekt fehlte. Ich war fasziniert, aber nicht verliebt. Ich war fasziniert, von dem was ich nicht habe. Wie ein Kind starrte ich etwas unerreichbares im Schaufenster an. Aber spüren konnte ich letztlich nur kaltes Glas.

Es ist wie der Schriftsteller sagte: Kann es sein, dass du bisher einfach meist Männer getroffen hast, die dir einfach intellektuell unterlegen sind?

Und die Antwort lautet: JA.

Oftmals genügte ein Stückchen Zärtlichkeit aus. Ein warmer Körper neben mir.

Das kann man machen, aber man sollte dem nicht das Prädikat Beziehung verleihen. Denn das ist es nicht.

Trotzdem erkenne ich mein Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit an. Würde dies aber nicht mehr als etwas anderes betrachten, als es ist.

Giovanni war ein Notnagel, ein Rettungsanker, ein Zeitvertreib, der größer wurde, als angemessen, als nötig, als angebracht, als möglich.

Mit ihm wäre ich nicht gewachsen, sondern eingemauert in seine beschränkten Ansichten und Auffassungen. Er wäre und ist durch mich gewachsen. Er hat wohl einen Blick hinter seine oberflächlichen und einfachen Sichtweisen geworfen. Zumindest einen kleinen Moment.

Heute Nacht hatte ich einen wunderbaren Traum. Ich bin U-Bahn gefahren und ständig habe ich die richtige Station verpasst. Ich war zu weit oder habe die falsche Anschlussbahn genommen. Ich kam einfach nicht zum Ziel- irgendwann habe ich es aufgegeben und bin einfach irgendwo ausgestiegen. Es war schon Nacht und spät, und ich hatte Angst, aber ich wusste: Ich komme so nicht weiter. Also verließ ich die Ubahnstation und lief raus in die Nacht. Ich war nahe eines großen, schwarzen Flusses, der mir etwas Furcht einflößte in seiner reißerischen Dunkelheit. Und dann sah ein Wahrzeichen meiner Stadt, das hell erleuchtet wurde. Ein Feuerwerk wurde abgebrannt und nun erstrahlte auch der dunkle Fluss in den schönsten Farben. Alles war hell und freundlich und ich hatte zumindest für diesen Moment keinerlei Angst mehr. Und ich lief einfach weiter. Ich erreichte ein Gebäude, und schneller als ich schauen konnte, war ich in einen neuen Lebensabschnitt verstrickt. Neu, anders, keine Ahnung, ob er besser ist oder nicht.

Aber alles war lebendig und besser als der zermürbende Stillstand und die Hoffnungslosigkeit, nie anzukommen.

Insofern.

Auf gehts.

Abreise

Es ist ziemlich früh am morgen und draußen ist es kalt und regnerisch. Man hört den Regen auf dem Fluß. Draußen hängt der Nebel.

Wir sind im Warmen und alles ist gut. Er wacht auf und das erste Wort, dass er zu mir sagt: „Risottoärmel“.

Ich erinnere mich an gestern, dieser Abend an dem ich so viel gelacht habe. Ich erinnere mich an ihn, wie ich mich an seinem Arm festhalte, lachend, angetrunken, und wie wir die kleine Anhöhe vom Fluß hinauf steigen. Ich erinnere mich daran, wie ich ihn überredet habe den Aufzug zu nehmen, weil ich in diesem Zustand nicht die Treppen hochpoltern wollte.

Der Aufzug war brechend voll. Doch nicht mit Menschen, sondern mit einem Reinigungswagen und es roch nach Kaffee anstatt Putzmittel.

Als ich heute morgen neben ihm aufwachte, wusste ich, dass das alles nun hier vorbei ist. Wobei vorbei bei mir immer relativ ist.

Noch bevor wir Sex hatten, sagte ich ihm, dass ich gehen werde danach. Und anstatt zu bleiben, tat ich das auch. Ich ging, ich ging ich ging ich ging. Ich ging nicht.

Ich haute ab.

Man kann es auch als Flucht bezeichnen. Jedes Mal der Gang aus Hotelzimmern.

Ich habe es nicht geschafft, mich einzulassen auf das. In all den Tagen bin ich morgens immer verschwunden. EIN Mal habe ich es geschafft mit ihm zu frühstücken. EIN Mal saß ich im Bett im Bademantel und habe die zwei Hotelmitarbeiter beobachtet, wie sie das Frühstück im Wohnbereich aufgebaut haben. Und dachte mir dabei: Schönes Kleid hat die eine an. Unnatürliche Scheiße.

Es gab sie, die Momente, in denen ich entspannen konnte. Zum Beispiel er und ich auf dem Sofa, Lucinda Williams „Fruits of my Labour“ hörend. Oder sehr spät abends, TV schauend und über die seltsamen Programme stolpernd, aber in Sicherheit, in seinen Armen, fast schlafend.

Oder im Restaurant, als er mir erzählte, dass Forscher sich gefragt haben, weshalb Antilopen hüpfen würden, unnötigerweise (oder war das ein anderes Vieh?) und die Antwort würde lauten: Es sei wahrscheinlich Lebensfreude und dann liefen ihm die Tränen runter. Und ich bemerkte das viel zu spät und wischte sie ihm aus den Augenwinkeln.

Ich gab ihm weder Abschiedskuss, noch Umarmung. Ich zog mich hastig an und hielt kurz inne:

Komm gut nach Hamburg.

Ich vermisse ihn, ich bin erleichtert.

Manchmal komme ich mir vor, als haben mich all diese Versuche innerlich umgebracht. Um so liebevoll und gebend, verzeihend und warm, entspannt und losgelöst zu sein.

Wie ein Adler beobachte ich jede Bewegung und entweder fliege ich schnell davon oder verletze zurück, scharf wie ich sein kann.

Vom Bett aus schaue ich ihm zu, sehe wie er schreibt und da sitzt, in diesem viel zu tiefen Sofa. Ich lese, was er schreibt und es ist doch unnütz, da ich es sowieso liebe, jedes Wort und jeden Satz.

Nur die Worte zwischen uns, die sind so lau und 0815 manchmal.

Seltsamerweise bleiben wir deshalb auch immer gefangen in dieser lauwarmen Suppe. Und ich erkenne: Ich muss mich damit abfinden, Liebe jemals verstehen zu wollen.

Vielleicht ist es ok

…dass die zwei Männer, die mir die letzten beiden Jahre am meisten bedeuteten nun beide ein bisschen werben.

Grade ist es mir egal, dass beides iwie nichts gescheites zu sein scheint, was eine feste Beziehung angeht. Es ist schönster Frühling. Und der Schriftsteller hat eines der schönsten Hotels dieser Stadt gebucht und legt dafür 1500EUR hin. Und ja, das beeindruckt mich. Vllt nicht so sehr des Geldes an sich wegen, sondern weil es sich anfühlt, als ob es ihm wichtig ist, dass wir uns wirklich wohl fühlen und eine schöne Zeit haben. Das Hotel habe ich vorgeschlagen. Mit den Worten, dass das vielleicht doch ein bisschen teuer sei. Aber: Er will das machen. Und ich freue mich sehr auf ihn, Bootsfahren, Cabrio fahren, irgendwohin fahren und es genießen, dass dieser Mann nun endlich bei mir ist, hier ist und ich mit ihm einschlafen kann.

Zwischen uns besteht immer noch so eine Art Barriere. Als ich Anfang der Woche bei ihm war, habe ich bei ihm auf dem Zimmer erst Mal einen Joint geraucht. Mir war nicht nach Champagner. Das letzte Mal als wir uns sahen, habe ich eindeutig zu viel getrunken. Und das sicherlich auch aus Versuch, loszulassen.

„Das hier ist doch keine Sexbeziehung“, irgendwie so etwas meinte er, als ich ihm erklärte, dass ich dieses affärige gar nicht mal so mag. Und dann lud er mich für Juli für eine Woche ans Meer ein. Wohl auch, um irgendwie zu zeigen: Is nicht nur Sex.

Aber trotzdessen, dass es das nicht nur ist, ist es aber auch keine Beziehung 😀

Ich sprach über meine neurotischen Züge, manchmal so das Bedürfnis zu haben, einfach zu gehen am nächsten Morgen. Und später meinte er, dass er das gut verstehen könne, und vielleicht würde sich dies ja bei unserem Treffen nächste Woche verflüchtigen.

Und ich denke, unser Treffen nächste Woche, da geht es auch darum, sich ein bisschen mehr in Ruhe kennenzulernen.

Ich will ihn umarmen und nicht gestört werden dabei. Nicht von irgendwelchen rumsitzenden Regisseuren, nicht von gegen die Wand schlagenden Nachbarn, noch von meinen neurotischen Gedanken. In mir, da lauert dieses Gefühl des Verliebtseins in diesen Mann. Manchmal frage ich mich, ob er was ahnt.

Was halt aber auch da ist, ist ein unterschwelliges Glücksgefühl. Und das teilen wir beide momentan. Und das halte ich fest. Und wenn es einen Frühling lang ist. Der depressive Winter hatte mich schließlich auch lange genug.

Knallen und verknallen

Tja, tja, das nennt man wohl so. Und ehrlicherweise war ich das schon die ganzen vier Jahre, die wir uns kennen. Mittlerweile haben sich die Hormone aber wieder gelegt. Was dennoch weder etwas an der Tatsache des Verknalltseins ändert, noch an meiner realistischen Einschätzung der Lage.

Ich habe mit ihm auch darüber gesprochen, dass ich so meine Probleme habe, Realität und „Fiktion“ auseinanderzuhalten. In seinem aktuellen Manuskript vermischen sich da ein paar Dinge. Aussagen von mir sind darin wiederzufinden, das hat er auch bestätigt, also bilde ich mir das zumindest nicht ein. Wie in diesem (bald veröffentlichtem Werk) eine Frauenfigur dargestellt wird, gruselt mich und es fällt mir schwer, das zu trennen.

Aber was erwarte ich. Für Schriftsteller ist alles eine Art Inspiration und wird verarbeitet, verwertet.

Ich bin gerade eine Wasser in Öl Mischung aus Glück und Unglück. Jobmäßig tut sich was, intern, aber auch mit Option auf einen neuen Verlag. Das ist spannend! Ansonsten sind Konzerte, Besuche und Urlaube geplant und der Frühling wischt viele dunkle Gedanken automatisch zur Seite. Langsam fühle ich auch, wie sich dieser mühvolle Prozess der Therapie immer mehr festigt. Dass das, was ich in den letzten beiden Jahren durchlaufen habe, so schmerzhaft und einsam es auch zeitweise wurde, unumgänglich war, um endlich ein Leben führen zu können, das mir mehr entspricht. Mit Menschen, die mir mehr entsprechen. Und ich kann euch sagen: Das sind gar nicht so sehr viele, wenn man mal genauer hinsieht. Die Fähigkeit alleine zu sein, nicht alles verzweifelt daran zu setzen, zu Gruppen oder Kreisen zu gehören, die ich eigentlich gar nicht MAG, schafft Platz für die Menschen, die wirklich Potenzial haben, die besonders sind.

Der Schriftsteller ist in erster Linie auch eine Art Vorbild für mich. Er will gar nicht von jedem gemocht werden. Und das, was sich so einfach sagt, lebt er in Konsequenz. Ich bewundere ihn sehr. Für so vieles. Und das wird auch immer so bleiben. Egal, wie er und ich zueinander stehen.

Ich komme mehr zu dem Resümee, dass er und ich dieses Verhältnis nicht vertiefen sollten. Denn eine Beziehung, die aus Geborgenheit und Verlässlichkeit besteht, wird es mit ihm nie geben. Ich kenne seine Einstellung hierzu. Und obwohl ich keine Frau bin, die sich nichts sehnlicher wünscht, als Zusammenziehen, Kinder und in Steinmeiselung und -geiselung, wünsche ich mir eine gewisse Bindung und gemeinsame Werte und Loyalität.

Vielleicht ist demnach unser nächstes Treffen das Letzte. Weil ich mit dem ewig Sehnsuchtsvollen langsam zum Ende komme. Aber in Frieden, denn er, der Schriftsteller wird mir immer nahe bleiben in seiner Literatur und seinem Wirken. Es wird also kein absoluter Verlust sein. Aber wenn ich den Schmerz schon am Horizont winken sehe (bin ich eigentlich Rosamunde Pilcher), dann ist es keine gute Idee, das weiter zu vertiefen, so sehr das mein verliebter Kopf auch will. Ich werde ihm das mal so mitteilen, wenn wir uns sehen.

Außerdem hat er noch meine Cavalli-Ohrringe, die ich im Bett verloren habe 😀

Abgesehen davon fällt mir auf, dass es mir vollkommen gleichgültig zu sein scheint, was er denken und fühlen mag. Vielleicht, weil ich es schon zu gut voraussehen kann. Diese stories, schreibe schließlich ICH schon seit langer Zeit.

Liebevoller Sex

Bedeutet für mich, wenn er mich zu sich zieht am nächsten Morgen und wenn ich mich aus seltsamen plötzlich aufkommendem Fremdeln nicht nicht so recht traue (wir kennen uns nur vier Jahre), er aufsteht, auf die andere Seite des Bettes geht und sich dann dort zu mir legt. Und meine Hand hält. Und langsam sickert meine Anspannung aus mir heraus und ich denke daran, wie weich sich seine Haut anfühlt. Mehr nicht.

Liebevoller Sex, ist, wenn er mich zu sich heran zieht und mir sagt, dass er mich wirklich wirklich gerne mag. Und sich überlegt, wann und wo wir uns wiedertreffen könnten.

Ich bin am morgen aufgewacht und ich trug einen Bademantel. Ich schaute mal rein und sah nichts. Davon wusste ich gar nichts mehr.

Im Bad sehe ich aber, dass meine Seidenbluse fein säuberlich an einem Haken hängt.

Wie dem auch sei.

Wir trafen uns wieder, in meiner Stadt, ich lehnte ab zu seinem Auftritt zu kommen, Gästeliste hin oder her. Nach der letzten Sache fühlte es sich nicht richtig an, ihn von unten auf seiner Bühne zu bewundern.

Stattdessen trafen wir uns gegen halb 11 in einer Bar und ich fühlte mich seltsam neutral und alkoholresistent. Als könnte nichts und niemand in mir eine Regung hervorrufen. Wir begannen Smalltalk und es war ok für mich, auch nach einem viertel Liter Wein saß ich noch mit geradem Rücken semi-konsterniert auf dem weichen Sessel und übte eine mehr oder weniger steife Konversation. Irgendwann gab er mir ein Geschenk und begann den Elefanten im Raum anzusprechen – Hamburg.

Er entschuldigte sich. Es war eine richtige Entschuldigung. Keine toxische „Es tut mir leid, dass du dich so fühlst“, nein, er hat es ernst gemeint, das habe ich gefühlt. Er meinte auch, dass er verunsichert war und eingeschüchtert (ich erinnere mich nicht mehr), weil ich ihm nicht mehr geschrieben habe, ob ich wirklich käme, für mich war allerdings ein „ich freue mich“ ausreichend. Und dann meine Wut. Tja. Schwer wiederzugeben und schön bleibt diese Episode trotzdem nicht. Mich hat es aber berührt und seine Geste mit dem Geschenk, war schön. Irgendwann streckte ich meine Hand aus, richtig symbolisch reichte ich ihm meine Hand und er zog mich zu sich.

Ich bin verknallt in ihn. Gott weiß, dass es komisch ist, aber so ist es nun mal. Ich liebe seine Worte, seine Art zu sprechen, zu denken und seine Persönlichkeit. Während unseres Gesprächs dachte ich irgendwann: Wie kann man sich nicht in diesen Mann verlieben?

So ist das nun mal. Seit vier Jahren ein kontinuierliches Hin und Her zwischen uns und doch ist er auf eine Art die beständigste Konstante.

Ich denke nicht an Beziehung, das ist mir momentan total egal. Ich denke an ihn, stündlich. Er ist ausgesprochen liebevoll in seinen Nachrichten. Wenn ich seine Stimme höre, schlägt mein Herz schneller. Es ist eines dieser klassischen Verliebt-Seins, eine Mischung aus Bewunderung, Begehren und Aufregung.

Und mein seltsames, manchmal kleines Selbstwertgefühl sagt mir: Was will ein Mann wie er mit dir?

Keine Ahnung. Was will ich mit ihm?

Bei ihm sein. Wirklich bei ihm sein, wie eine Irre will ich das und er geht mir nicht aus dem Kopf.

Ich denke in Momenten und wünsche mir Momente.

Das ist alles.

love and/ain’t shit

Ich bin krank. So richtig. Klassisch erkältet, verschlossene Nase, Kopf- und Gliederschmerzen und meine Lippen sind unterspitzt. Ziemlich dezent, aber ich sehe in Kombination mit der Erkältung trotzdem aus, als wäre ich in eine Schlägerei verwickelt.

Ich fühle mich heute so einsam, so sehr dass es weh tut. Ich habe niemanden mehr hier in dieser Stadt und keine Ambitionen das zu ändern, weil ich Bock auf anderes habe.

Auch der Kontakt mit Giovanni tut weniger gut als angenommen. Habe ich noch gedacht, dass das ja doch iwie gut ist, weil er sich ja immer wieder nach mir erkundigt, komme ich immer wieder zu dem Schluss: Nein.

Nein, tut es nicht. Er hat mich so enttäuscht und der Schmerz darüber sitzt tief und kann nicht abheilen, wenn wir immer wieder im Kontakt stehen. So, als wäre nichts passiert. Es fühlt sich nicht richtig an. Mal abgesehen davon, dass es für mich noch nie gut war, mit einem Mann für den Gefühle bestehen, in so einem Nirwana zu sein. Keine Beziehung, dann doch irgendwie.

Diese Enttäuschung über sein Verhalten sitzt immer noch in mir. Und das Vertrauen ist weg. Ich finde es schlimm, wie er sich online verhält, wie er ständig mit anderen Frauen in Kontakt war, sich geradezu selbst „anbietet“ auf dieser Platform. Ich finde das schon krankhaft. Er bezieht all sein Selbstwertgefühl darüber und das finde ich schon im Normalfall verachtenswert, doch mit so jemanden in einer Beziehung sein, der neben einem liegt und währenddessen heimlich Instagram durchscrollt und mit anderen Frauen schreibt und reactions und likes verteilt ist mir einfach zu asozial. So etwas habe ich wirklich noch nie erlebt. Leider ist er so in diesem Film gefangen, dass er meint, dass das normal sei. Vielleicht geht es auch in Richtung gaslighting, da er versucht mir zu suggerieren, dass das alles ok sei.

Dabei kenne ich keine Frau, die das ok findet.

Jedenfalls stecke ich in einer klassischen mid-life crisis. Es passieren anstrengende innere Prozesse und es ist nicht leicht, mir mein Leben jetzt in eine Richtung zu steuern, mit der ich glücklich bin. Es war viel einfacher dieses Glück in Beziehungen und dem nächsten Date zu finden. ABER: Liebe und Glück dort zu suchen und zu finden, ist ja durchaus menschlich und absolut sinnvoll. Ich merke aber, wie sehr ich währenddessen fast den ganzen Rest immer auf eine Art außen vor gelassen habe. Alles außenrum habe ich immer nur so mittelmäßig bis gar nicht leidenschaftlich betrieben. So ohne konkrete Vorstellung. Ohne Leidenschaft. Ohne wahren Fokus. So wie als Kind, als man seine Hausaufgaben/Aufgaben zuhause immer so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte, damit man endlich zum spannenden Teil übergehen kann: Draußen spielen. So habe ich das gehandhabt und dabei vergessen, dass der Beruf, die innere Entwicklung etc AUCH das eigentliche Leben darstellen und dass das nicht so nebenbei abgefrühstückt werden sollte.

Leidenschaft in Dates und Drama – oh yeah. Auch gut gut gut, bloß führt das dazu, dass ich zu sehr an Männern haften blieb, die einfach nicht geeignet waren. Oder nur bis zu einem gewissen Punkt.

Ich weiß gerade gar nicht mehr, wie zu daten. Ich fühle mich so, als weiß ich gar nicht mehr wie das geht. Ich bin so vorsichtig und verletzlich, auf der anderen Seite ist meine Toleranzgrenze auch ziemlich stark aufgerüstet. Ich bin momentan verwirrt, weil ich gar kein Beuteschema mehr habe. Ich finde das auch sehr schwierig, eine Verbindung zu jemanden online aufzubauen. All diese Gesichter berühren mich nicht. Attraktivität auf Fotos macht nichts mehr mit mir. Gar nichts.

Auf der anderen Seite fühle ich, dass der richtige Zeitpunkt dafür einfach noch nicht gekommen ist. Ich bin momentan sehr mit mir selbst beschäftigt. Ich habe meinen kompletten Kleiderbestand durchgesehen, geordnet, eine Menge aussortiert. Ich liebe momentan Leder und Seide. Ich mag diese Kombi. Und Secondhandläden. Und Kate Bush, lange oversize Trenchcoats. Und Vogues. Bruschetta und Vogelgezwitscher zuhören.

Ich bin sehr sehr verletzt.

Warum verletzen sich Menschen? Warum fühle ich manchmal selbst so wenig davon?

Es ist, als liebe ich nur meine Familie. Und das ich nur schreibe, kotzt mich an. Ich glaube, sie sind die Liebe meines Lebens.

In mir kommen Themen hoch. Mit meiner Therapeutin wird das Thema Kinder beleuchtet. Kinderwunsch. Ich verstehe sehr gut, weshalb sich die halbe Menschheit dafür entscheidet, eine Familie zu gründen. Ich denke, es erdet einen, stiftet Sinn und man hat dieses verlorenen Familiengefühl zurück. Kinder selbst in die Welt zu setzen, war für mich lange ein zynisches Nein. Nein Danke.

Der Schriftsteller meinte mal, Kinder bekommen sei nur etwas für Leute, die sonst nichts besseres zu tun haben.

Das ist ein anderes Level von Zynismus, I guess.

Zum ersten Mal beschäftige ich mich wirklich mit dem Thema. Und zwar allein, persönlich, individuell, ohne es von 1000 anderen Sachen abhängig zu machen. Ich fühle, wie da in mir eine Blockade war, ein blinder Fleck.

Und ich denke zum ersten Mal nicht darüber nach, sondern fühle nach.

Anna Hope – Was wir sind

Was ist aus dem Menschen geworden, der du einmal sein wolltest? – Anna Hope über drei ungleiche Frauen und ihre gemeinsame Zeit in London, über Freundschaft und die intimen Fragen eines jeden Lebens Nach einer atemlosen gemeinsamen Zeit in London stehen Hannah, Cate und Lissa mit Mitte dreißig an ganz unterschiedlichen Punkten. Hannah liebt ihr Leben und das Leben mit Nathan, doch alles scheint wertlos ohne ein Kind. Cate ist nach der Geburt ihres Sohnes nach Canterbury gezogen und hat das Gefühl, sich mehr und mehr selbst zu verlieren. Und Lissa steht nach einer schwierigen Beziehung auf der Schwelle zu ihrem Traum. Was wollen wir, was können wir sein? „Beeindruckend scharfsinnig und voller emotionaler Weisheit“ (The Observer) erzählt Anna Hope von drei Frauen unserer Zeit und kommt dabei ihren Figuren so nah wie wir sonst nur uns selbst. (Quelle: buchhandel.de).

Ich muss sagen, hier erfasste mich eine minimale Berg- und Talfahrt. Das Thema interessierte mich massiv, da ich mich gerade selbst mit der Sinnsuche befasse und weil ich eben nicht mehr Anfang 20 bin, wo oft das Leben begonnen wird geformt zu werden in seinen Grundzügen. Als ich dann begann zu lesen, war ich wirklich im ersten Moment gelangweilt und ich fragte mich sogar, ob ich diese ca 350 Seiten wirklich zu Ende lesen kann und will. Ich habe aber weiter gemacht und aus diesem trockenen, englischen Kanten, wurde ein richtig würziger Schinken. Gar nicht mehr so spießig a la weiße, privilegierte Frau steht mit Weinglas am Fenster und schaut leidend aus ihrem villaesken Apartment.

Privilegiert sind diese Frauen natürlich schon, aber der Roman bekommt etwas sehr tiefes. Diese Tiefe fasst an, weil es um sehr grundlegende Dinge geht. Und weil es keine Happy Ends gibt, sondern >Ends, die dem Leben so sehr ähneln: Das Gute ist mit dem Schlechten vermischt und in der schlechten Suppe, schwimmt eine gute Einlage. Und dafür war ich dankbar. Alles andere (außer natürlich komplett desaströse Szenarien) hätte mich furchtbar enttäuscht. Ich glaube, dass das Leben tatsächlich meist so ist. Dass man sich durch die Gefilde manövriert, mit der Energie und Ausstattung die man eben hat. Und wir mit der ganzen Scheisse, die uns begegnet, die wir nicht steuern können, immer wieder arbeiten und versuchen, zu einer Art Waffenstillstand zu kommen. Ich mochte es. Dennoch bleibt die Art Hopes zu schreiben etwas eindruckslos zurück. Ich frage mich manchmal, wieviel dem der Übersetzung geschuldet ist.

Let’s play

Das Gefühl, wenn die Lippen so trocken sind, dass sie, nachdem man den ersten Zug genommen hat, sich kaum lösen wollen von dem Papier der Zigarette, mag ich sehr. Ein kleines erstes Mal.

Ich stehe am Fenster und rauche in den Park hinein. Auf der Mauer sitzt eine Amsel oder sonst irgendein Geflügel und blickt wie ich, in den sonnigen Park. Nur ohne Zigarette. Es ist so friedlich und ich will sie nicht stören. Vogue Claires. „Die Luftigsten.“, wie sie der grauhaarige, aber trotzdem junge Typ aus dem Tabakladen nannte.

Ich bin krank, aber doch nicht krank. Ich fühle mich frisch und belebt während ich an diesem Morgen durch die Stadt gehe. Überall Sonnenschein und Vogelgezwitscher und es ist mir leicht ums Herz.

Ich fühle mich, als hat sich ein Geröllhaufen in mir bewegt. Noch nicht am richtigen Platz, aber die Bewegung ist innerlich die ganze Woche über zu spüren. Manchmal habe ich das Gefühl, erst jetzt Dinge aufzuarbeiten und anzusehen. Und gleichzeitig mich anzusehen. Mit anderen Augen als damals.

Der Datingmarathon. Ich versuche mich daran zu erinnern, wie ich damals wischte, Bild um Bild in Richtungen schiebend. Ich frage mich, was ich mir wohl dabei gedacht habe, wenn ich all diese Fotos angesehen habe, Konversation gemacht habe.

Ich war vor einigen Wochen im Theater. Und ein Schauspieler ist mir besonders aufgefallen. Er trug ein Kostüm, bestehend aus Motorradjacke und einer Art Helm, rüstungsgleich. Man sah sein Gesicht nicht, aber ich saß ganz vorne und habe seine Präsenz gefühlt. Er hat einen Eindruck hinterlassen.

Wochen später schaue ich mir den Spielplan eines anderen Stücks an, verschicke ihn an Freunde. Es geht mir eigentlich nicht um das Stück, sondern um die zugrundeliegende Story, den Roman. Ich will es sehen.

Irgendwann bekomme ich die Rückmeldung, dass der Trailer ja schon ziemlich anstrengend wirke. Also sehe ich ihn mir auch an. Mit einem der Hauptdarsteller hatte ich mal ein Date vor ein paar Jahren.

Es verlief furchtbar. Ich war eine kratzbürstige Bitch, die zu diesem Zeitpunkt nur gedatet hatte, um sich abzulenken von einem anderen, die sich selbst gar nicht kannte, nicht von ihren Erwartungen und vor allem nicht um sich selbst wusste.

Und da saßen wir, dieser Mann mit den völlig neutralen Augen und ich, die eigentlich hätte besser den Fernseher einschalten sollen für das bisschen Ablenkung, die ich eigentlich suchte.

Es fiel mir schwer freundlich zu sein und er spürte meine passive Aggression, die ab und an auch aktiv wurde. Er machte damals einen guten Vorschlag: Alles was mir jetzt noch einfällt, ist hemmungslosen Sex miteinander zu haben.

Konsterniert winkte ich ab und ihn heim.

Daran denke ich heute, wenn ihn auf der Bühne sehe. Vielleicht ist jetzt langsam die Zeit gekommen, sich einen Liebhaber zu suchen.

Jetzt, wo ich meine Grenzen und Erwartungen kenne, jetzt, wo ich in der Lage bin, die Menschen als das zu betrachten, was sie sind. Für mich. Jetzt, wo ich diese quälende Hoffnung und Suche abgelegt habe, stellt sich eine Lockerheit ein, die ich nicht zur Scheiß-egal-Attitüde verkommen lassen möchte.

Hamburg, ohne Perle

Ich sitze im ICE und erfreue mich, dass alles brav, gesittet und geordnet nach Plan läuft. Das ist bei meinen Reisen leider nicht die Regel. Aber heute, heute da ist an alles gedacht und gepackt, alles kommt und geht pünktlich seiner Wege und ich lese abwechselnd Panikherz von Stuckrad-Barre oder die umsitzenden people.

Der Handyakku ist auch voll, da darf es auch noch ringen. Und das tut es: „Hey, können wir uns bitte erst morgen treffen, es findet kurzfristig ein Casting in meinem Studio statt von xyz. Morgen bleibt es dann aber bei unserem Treffen, ich könnte dich abholen um 14 Uhr und dann machen wir dies und das, aber ich richte mich nach dir. Ende aus.“

Ich war gerade in eine anderweitige Unterhaltung vertieft und plötzlich kriege ich gar nichts mehr mit. Nichts. Nichts. Nichts. Die Enttäuschung kriecht hoch in meine Augen und manifestiert sich in heißen, unerwarteten Tränen, die wiederum leise aufgefangen werden von meiner Maske.

IST DAS SEIN ERNST?

Ich reise an, auf Einladung, fahre ewig durch die Gegend und werde versetzt wegen einem Casting vom Assi-TV?

In mir herrscht ein Gemisch aus Wut, Enttäuschung, Traurigkeit, ich weiß gar nicht wohin mit meinen Tränen. Schade, dass die Tränen nicht je nach Gefühl andere Farben annehmen, dann könnte ich daran ablesen, welches Gefühl überwiegt.

Ich reagiere zweisilbig: „Echt jetzt?“

Ja, alles knapp gewesen, Zusage von diesem und jenem erst vor einer Stunde gekommen, es ist nicht meine Schuld blabla. Anbei ein Screenshot der Mail der Redakteurin.

Okay, ich registriere wie das Gefühl Wut die Oberhand gewinnt. Entsprechend eingefärbt ist meine Antwort: Weißt du was, ich habe so eigentlich schon überhaupt keine Lust mehr.

Wer jetzt meint, es würden evtl Beschwichtigungen oder ähnliches kommen, irrt.

„Deine Reaktion empfinde ich als überzogen, und Stichwort *Stadt in meiner Nähe*, hier hattest DU mich versetzt und ich verschiebe lediglich unser Treffen auf den nächsten Tag.“

Diese Kälte lindert leider meine heiße Wut nicht, denn besagte Versetzung meinerseits fand 2019 statt. Zweitausenfuckingneunzehn. DA ist wohl jemand nachtragend und das sind meistens besonders diejenigen, die im gleichen Atemzug betonen, dass sie das einem ja bestimmt nicht nachtragen würden.

Nach stundenlanger Fahrt komme ich schließlich im Hotel an und denke mir: Was für eine miese kleine Ratte. Die Veranstaltung beginnt in 2 Stunden und ich habe eigentlich keine Lust ihn da jetzt zu sehen. Aber was soll ich denn so kurzfristig alleine machen hier, in dieser fremden Stadt?

Ich trockne meine Tränen und ziehe mich trotzallem um und mache mich auf den Weg. Kurz bevor ich drin bin, schreibe ich ihm von meiner Enttäuschung und wie verletzt ich bin. Kurz vor seinem Auftritt, wünscht er sich, dass wir uns morgen sehen und ob ich nicht noch eine Nacht darüber schlafen möge.

Ich blicke ihn aus der Masse der Zuschauer wütend an.

Nein, du hast keine Chance verdient.

Und so bleibe ich hart und während meines gesamten Aufenthalts in Hamburg treffe ich ihn nicht, nicht um ihn zu strafen, sondern weil mein Ich für Verhalten dieser Art absolut null Toleranz mehr übrig hat. Für egal wen, egal welcher Art Beziehung.

Für niemanden.

An meinem letzten Tag erreicht mich eine Nachricht, dass er es immer noch nicht glauben könne, dass es tatsächlich nicht geklappt hat. Schrecklich alles.

Er schickt mir eine Sprachnachricht, ACHT Minuten. Inhalt? Nichtssagend, lau, vernachlässigbar. Er habe am Tag danach nicht nochmals nachgehakt, weil er nicht wusste, ob das „angesagt sei“. Sein Vorschlag: Er könne nächsten Monat ja in meine Stadt kommen, nicht wegen anderer Dinge, nur wegen mir. Ich müsse ja nicht gleich reagieren, überlege es dir.

Aber, nein. Nein nein nein. Du hattest deine Chance, und mit ein bisschen Empathie wäre diese Situation sicher noch wieder einzufangen gewesen. Aber die hat er nicht an den Tag gelegt. Oder bei mir nicht. Und ich habe keine Geduld mehr. Und noch viel wichtiger: Kein Gefühl.

Diese Irrungen und Wirrungen haben trotzallem nicht ausgereicht, dass ich nicht doch eine wunderschöne Zeit hatte. Mit mir allein, mit anderen vor Ort. Aber Männer, die sich so verhalten, verlieren jegliche Anziehungskraft auf mich. Komplett. Ich liebe und schätze mittlerweile meine eigene Gesellschaft und die ausgewählter Personen so sehr, dass ich keine Kompromisse dieser Art mehr eingehe. Und noch viel wichtiger: Dass Enttäuschungen dieser Art mich nicht mehr in existentielle Krisen stürzen. Weil sie es einfach nicht Wert sind.

Darauf ein L’Oreal.